Monteverdis Marienvesper
Drei Jahre nach der gefeierten Uraufführung seines Orfeo – einer der ersten „Opern“ überhaupt – steckte der knapp 40-jährige Claudio Monteverdi in der Krise. Verantwortlich für die ganze Unterhaltungsmusik am Hof zu Mantua waren seine Künste zwar permanent gefragt, doch sein Dienstherr Vincenzo Gonzaga, der eine Schwäche für prunkvolle Feste hatte, zahlte seine Musiker nur unregelmäßig. Nach einem Zusammenbruch beschloss Monteverdi, sich nach Rom in Richtung Papsthof zu orientieren; allerdings hatte er sich bislang nur selten mit geistlicher Musik beschäftigt. Auf eigene Faust, ohne äußeren Kompositionsauftrag beginnt Monteverdi großartige Kirchenmusik zu komponieren: eine Messe in altem Stil (dieser Titel wird in großen Lettern das Titelblatt der neuen Komposition zieren) und eine groß angelegte Vesper zu Ehren Marias.
Auf eigene Kosten bereitet Monteverdi geradezu strategisch den umfangreichen Druck vor und reist damit nach Rom, weil er sein neues Werk keinem Geringeren als dem Papst selbst widmen will! Monteverdi gilt freilich so manchem in kirchlichen Kreisen als allzu innovativer Neutöner, der sich nicht an althergebrachte Regeln halte… der detaillierte Blick auf die vielen Teile der umfangreichen, komplexen Marienvesper wird ans Licht bringen, wie Monteverdi die Regeln immer wieder auf höchst kunstvolle Art und Weise unterlief (so ersetzte er etwa die schlichten, von einem zum nächsten Psalm überleitenden Antiphonen kurzerhand durch virtuose geistliche Concerti oder flicht in den vom Chor sehr schlicht auf einem einzigen Akkord deklamierten Eröffnungschor die Toccata ein, welche auch schon den Orfeo eröffnet hatte). Die Marienvesper steckt voll von ungewöhnlichen, neuen kompositorischen Verfahren und Finessen, die wir im Seminar ans Licht heben wollen.