Semidissonanzen. Oder: Von der Geburt des Dominantseptakkords
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Definition
Der Begriff "Semidissonanz" verweist auf eine Art der Dissonanzbehandlung, die in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zunehmend üblich wird. Verglichen mit der Synkopendissonanz und mit transitorischen Dissonanzen (wie u.a. Durchgangsnoten) handelt es sich also um eine relativ junge Art der Dissonanzbehandlung. Anders als bei den alten Arten ist diese Form der Dissonanzbehandlung an bestimmte tonale Kontexte gekoppelt (siehe unten).
- Wie die Synkopendissonanz kann eine Semidissonanz
- auf betonter (schwerer, guter) Taktposition stattfinden und
- wird sie schrittweise abwärts aufgelöst.
- Anders als die Synkopendissonanz ist weder das obere noch das untere Ende des dissonanten Intervalls der hintere Teil einer synkopierten Note: Die Dissonanz tritt also unvorbereitet ein.

Beispiel 1: Die semidissonante verminderte Quinte über der 7. Stufe aufwärts und die semidissonante übermäßige Quarte über der 4. Stufe abwärts.

Quintsextakkord

Sekundakkord mit übermäßiger Quarte
Begründungen
Kontrapunktische Begründung
Beschrieben wurde diese Art der Dissonanzbehandlung zuerst von Johann David Heinichen (Der General-Bass in der Composition. Dresden 1728, S. 602ff.).
Heinichen erklärt sie als Vorwegnahme einer Durchgangsnote (anticipatio transitus). Eine Semidissonanz entsteht demnach durch eine abwärtsgerichtete Durchgangsbewegung, deren Ausgangston ausgelassen und durch die Durchgangsnote ersetzt wird (vgl. Beispiel 1 und Beispiel 2).
Heinichen erklärt sie als Vorwegnahme einer Durchgangsnote (anticipatio transitus). Eine Semidissonanz entsteht demnach durch eine abwärtsgerichtete Durchgangsbewegung, deren Ausgangston ausgelassen und durch die Durchgangsnote ersetzt wird (vgl. Beispiel 1 und Beispiel 2).

Beispiel 2: Durchgangsbewegungen als Erklärung von Semidissonanzen
Diese Erklärung lässt allerdings offen, in welchen Situationen eine solche Vorausnahme üblich war. Betrachtet man Heinichens Beispiele genauer, so fällt aber auf, dass diese Vorwegnahme einer Durchgangsnote vor allem im Rahmen einer Terzfallaltklausel stattfindet, also immer dann, wenn in einer anderen Stimme der Halbtonschritt von der 7. Stufe zur 1. Stufe stattfindet oder stattfinden könnte.
Diese Form der Dissonanzbehandlung ist also an bestimmte Stufen der Dur- oder Mollskala gekoppelt. Bei Synkopendissonanzen hingegen spielt die Position in der Skala keine Rolle. Synkopendissonanzen setzen nicht einmal die Existenz von Dur und Moll voraus, denn sie entstammen einer Zeit, als von Dur und Moll noch keine Rede war.
Als Semidissonanzen können also behandelt werden (siehe Beispiel 1):
- die verminderte Quinte über der ansteigenden 7. Stufe: Der obere Ton dieser Quinte ist die (vorweggenommene) Durchgangsnote innerhalb der Terzfallaltklausel. Die Sexte über dem Basston kann als Füllton dienen (=Penultima der Tonwiederholungsaltklausel).
- die übermäßige Quarte über der absteigenden 4. Stufe: Der untere Ton dieser Quarte ist die (vorweggenommene) Durchgangsnote innerhalb der Terzfallaltklausel. Die Sekunde über dem Basston kann als Füllton dienen (=Penultima der Tonwiederholungsaltklausel).
Auch die Septime über der 5. Stufe kann als Semidissonanz behandelt werden: Der obere Ton dieser Septime ist die (vorweggenommene) Durchgangsnote innerhalb der Terzfallaltklausel (siehe Beispiel 3).

Beispiel 3: Die Septime über der 5. Stufe als Durchgangsnote (links) und als Semidissonanz (rechts)
Harmonische Begründung
Georg Andreas Sorge (Vorgemach der musikalischen Composition, 1745–1747) hat aus dieser Form der Dissonanzbehandlung die Konsequenz gezogen, dass der Septakkord der V. Stufe in Dur und Moll (mit großer Terz, reiner Quinte und kleiner Septime) eine selbständige Einheit sei. Dies hat er anhand der Teiltöne 4, 5, 6, und 7 der Naturtonreihe begründet. Bei Sorge "entsteht" also der Dominantseptakkord (obwohl er selbst dieses Wort nicht verwendet).
Dies ist ein Meilenstein in der Geschichte der Harmonielehre.
Problematisch an dieser Begründung ist aber
- dass die Naturseptime , die der Proportion 4:7 entspricht, deutlich enger ist als die kleinen Septimen, die in der Praxis verwendet werden, und
- dass sie nicht erklärt, weshalb diese Septime in der musikalischen Praxis schrittweise abwärts aufgelöst wird.
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