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Die rot gefärbten Noten in den folgenden Beispielen sind Synkopendissonanzen. In der Kontrapunktlehre bezeichnet dieser Begriff eine bestimmte Art und Weise, wie dissonante Intervalle verwendet werden können.

Für diese Art der Dissonanzbehandlung sind drei Stationen wesentlich, nämlich

1. ein konsonierender Ton, der gehalten wird (= Vorbereitung),
2. auf schwerer Zeit ein dissonantes Intervall zu mindestens einer anderen Stimme bildet (= Dissonanz),
3. und sich anschließend stufenweise abwärts bewegt (= Auflösung).

Im ersten Beispiel ist das d'' das obere Ende einer Septime:
Im nächsten Beispiel ist das g' das untere Ende einer Sekunde:
Als dissonierend gilt also derjenige Ton des dissonanten Intervalls, der zur Synkope gehört. Der andere Ton des Intervalls (die blau gefärbten Noten in den Beispielen) gilt als konsonant.

Die grau gefärbten Noten vor dem Taktstrich zeigen mögliche konsonierende Töne zum ersten Teil der synkopierten Note. Die grauen Noten nach dem Taktstrich bilden konsonante Intervalle zu ihrer Auflösung.

Beschrieben und in Regeln gefasst wurde diese Art der Dissonanzbehandlung in Kompositionslehren ab dem späten 15. Jahrhundert. Ein grundlegendes Element der Satztechnik ist sie aber nicht nur in der Musik der Renaissance, sondern auch in späterer tonaler Musik, zum Beispiel als wichtiger Bestandteil der Kadenz und als Basis zahlreicher Sequenztypen.
In einer sehr einflussreichen Beschreibung hat Giovanni Maria Artusi (L'arte del contraponto. Venedig 1598, S. 40) die Vorgänge im Umfeld einer Synkopendissonanz mit einem Zweikampf verglichen.

Nach Artusi liegt die Verantwortung für das Zustandekommen einer Synkopendissonanz nicht bei der Stimme mit der Synkope, weil diese sich ganz und gar passiv verhalte. Vielmehr sei es die Gegenstimme, welche die Dissonanz verursache, indem sie der passiven Stimme durch eine gezielte Bewegung "einen Hieb versetzt".

Die synkopierte Stimme, die diesen Hieb einsteckt und die Dissonanz erleidet, nennt Artusi deshalb parte Patiente (von lat. pati = leiden, erdulden), die aktive oder handelnde Gegenstimme parte Agente (von lat. agere = treiben, handeln).
In weiteren Stimmen können Töne hinzugesetzt werden, die mit dem parte Agente sowie untereinander konsonante Intervalle bilden. Daraus ergeben sich zum Beispiel diese Akkorde:
Jede
  • 7,
  • 9,
  • 5 in 6/5,
  • 4 in 5/4 und
  • 4 in 6/4 auf betonter Taktposition
muss als Synkopendissonanz behandelt werden, wenn eine Vorbereitung möglich ist (das heißt: wenn der betreffende Ton im vorherigen Akkord enthalten ist).
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